Landeseissportverbände


Die langjährige Bundesnachwuchstrainerin Ilona Schindler (re.) mit ihrer Nachfolgerin Nicole Brünner (Foto: DEU)

Die Deutsche Eislauf-Union (DEU) hat die langjährige Bundesnachwuchstrainerin Einzellaufen Ilona Schindler aus dem aktiven Berufsleben verabschiedet. Die Erfurterin, die ihren Schützling Stefan Lindemann 2000 zum Junioren-WM-Titel, 2004 zu WM-Bronze und 2005 zu EM-Bronze führte, war seit 2007 für den DEU-Nachwuchs zuständig. Ihre Nachfolgerin ist Nicole Brünner, die zuvor als Assistenz-Bundesnachwuchstrainerin in die neue Aufgabe eingeführt wurde.

Mit vollem Einsatz unterstützte Ilona Schindler als Bundesnachwuchstrainerin fast zwei Jahrzehnte lang in Zusammenarbeit mit den Heimtrainern die jungen Eiskunstlauf-Talente in ihrer Entwicklung. Die 65-Jährige nimmt mit einem lachenden und einem weinenden Auge Abschied. „Wir haben in meinen 17 Dienstjahren einiges erreicht“, blickt die Bundesnachwuchstrainerin zurück. „In letzter Zeit waren wir aber nicht mehr ganz so erfolgreich und es wurde in manchen Bereichen schwerer Fortschritte zu machen.“ Generell sei das Potenzial beim deutschen Nachwuchs vorhanden, so dass die Leistungskurve im Einzellaufen in Zukunft wieder nach oben gehen kann. Die verantwortungsvolle Aufgabe der Bundesnachwuchstrainerin übernimmt als Nachfolgerin nun ihre bisherige Assistenz Nicole Brünner.


Warten auf die Noten: Ilona Schindler mit Stefan Lindemann und Choreograph Iwo Svec bei der WM 2004 (Foto: Petra Lawall)

Bevor Ilona Schindler 2007 Bundesnachwuchstrainerin wurde, feierte sie ihren größten Erfolg mit ihrem Schützling Stefan Lindemann, der bei den Junioren-Weltmeisterschaften 2000 in Oberstdorf Gold holte, bei der Heim-WM 2004 in Dortmund die Bronzemedaille gewann und bei der EM 2005 in Turnin nochmal den Bronzeplatz erreichte – einzigartige und herausragende Leistungen in den 2000er-Jahren des deutschen Herren-Eiskunstlaufens. Mit diesen Errungenschaften in der Tasche hatte Ilona Schindler bei ihrem Stellenantritt als Bundesnachwuchstrainerin etwas vorzuweisen. Mit dem Erreichten und ihrer Erfahrung war sie glaubhaft, jetzt bundesweit Trainer und Sportler auf ihrem sportlichen Weg anzuleiten.

Junioren-WM 2018 in Sophia der Höhepunkt als Mannschaftsleiterin

Besonders gute Erinnerungen hat Ilona Schindler als Mannschaftsleiterin an die Junioren-Weltmeisterschaften 2018 in Sofia (Bulgarien), wo in allen vier Junior-Konkurrenzen – Damen, Herren, Paarlaufen und Eistanzen – deutsche TopTen-Plätze erzielt und somit in allen Disziplinen zwei Startplätzen für die Junioren-WM 2019 geholt wurden. „Das war für den Junioren-Bereich ein ganz tolles Ergebnis“, erinnert sie sich. Interessant wird es, wenn man in die alten Ergebnislisten dieser JWM schaut: Der damalige DEU-Junior Jonathan Hess hatte in Sofia als Zehntplatzierter den amtierenden Europameister Adam Him Siao Fa (17. Platz) aus Frankreich hinter sich gelassen. Und Vize-Europameister Alexander Selevko aus Estland hatte als 27. gar das JWM-Kür-Finale verpasst.

Alles scheint mit Durchhaltevermögen möglich - doch nicht alle Talente erreichen die Seniorenklasse. Eine große Herausforderung ist zuerst der Übergang vom Nachwuchs zu den Junioren und schließlich zu den Erwachsenen. In diesen Übergangsjahren, die Ilona Schindler als „Lernjahre“ bezeichnet, müssen auch Niederlagen und Hindernisse akzeptiert und überwunden werden. Die Sportler sollten darauf vorbereitet werden, dass die Entwicklung Schritt für Schritt geht und Rückschläge dazu gehören.

Man brauche für die Talente eine Vision, die man ihnen immer wieder an die Hand gibt und ein Ziel mit Zwischenetappen, so Schindler. Zur Aufgabe des Trainers gehört es, die jungen Sportler und Eltern mitzunehmen, ihnen die eigenen Vorstellungen, Möglichkeiten und Entwicklungspläne aufzuzeigen. „Es dauert viele Jahre bis man den Olymp erklimmen kann. Aber wenn ich etwas will, dann schaffe ich das auch“, meint die engagierte Nachwuchstrainerin. Beste Vorbilder seien die Paarläuferinnen Aljona Savchenko und Minerva Hase sowie Nicole Schott, die einen langen Weg bis zu ihren größten Erfolgen gingen.

Team-Arbeit als Schlüssel zum Erfolg

Vieles von dem, was Ilona Schindler in ihrer Trainingsarbeit mit Stefan Lindemann gemacht und als Bundesnachwuchstrainerin angestoßen hat, wünscht sie sich heute noch stärker von einem Teil der Heimtrainer. Dazu zählt das Annehmen von DEU-Angeboten, die Erweiterung des Horizonts durch internationale Einflüsse, das Verlassen der Komfortzone ihrer Sportler, das Suchen von Konkurrenz im Training und bei Lehrgängen im In- und Ausland, die Abstimmung der Saisonplanung auf den Höhepunkt, ein frühzeitiger Saisonstart, eine gute Präsentation im Wettkampftraining, hilfreiche Analysen mit Hilfe der Trainingsdatendokumentation. Ein Anliegen ist ihr zum Abschied, dass bei alledem nicht nur der Erfolg zählt, sondern die Sportler am Ende auch mit Freude auf ihre Laufbahn zurückblicken können.


Ilona Schindler (re.) mit den Teilnehmern am DEU-Einzellauf-Nachwuchslehrgang 2018 in Oberstdorf (Foto: DEU)

In ihren Anfängen als Bundesnachwuchstrainerin hatte Ilona Schindler mit der Organisation von DEU-Nachwuchs-Lehrgängen begonnen: „So haben wir die in Deutschland verstreuten Talente zusammengebracht und die Läufer konnten sehen, wo sie im Vergleich zur Konkurrenz stehen.“ Lehrgänge im In- und Ausland geben punktuell einen Push. „Durch das gegenseitige Messen findet eine Entwicklung statt und es werden Durchsetzungsvermögen und Stressresistenz bei Wettkämpfen gefördert, um die eigene Leistung besser abrufen zu können.“ Im Rahmen des DEU-IAT-Dreifach-Axel-Projekts treffen sich dieses Jahr zum Beispiel unter Mitreise ihrer Heimtrainer mehrmals die besten deutschen Junioren zum Training des technisch anspruchsvollen Schwerpunkt-Elements.

Wichtiger denn je, sei bei der rasanten Entwicklung des Weltniveaus der Aufbau eines Teams aus Spezialisten, wie man an international erfolgreichen Trainingszentren sieht. „Alleine kann man es nicht schaffen“, sagt Ilona Schindler über den anspruchsvollen Trainer-Job. „Mit einem Team kann man die Aufgaben auf den Schultern mehrerer Personen verteilen und die Coaches haben auch mal die Möglichkeit zum Ausgleich.“ Die Anforderungen an den Trainer-Job sind im Leistungssport gestiegen. Es gilt die duale Karriere im Trainings- und Wettkampfplan zu berücksichtigen und dafür organisatorische Lösungen zu finden. Ihr Anspruch als Bundesnachwuchstrainerin war es immer, Teams schon im Junioren-Bereich zu formen und unterstützen. Daher freut es sie, dass sich einige Nachwuchstrainer an den Bundesstützpunkten ihr Team zusammenstellen, in das jeder seine Stärken einbringen kann.

Start als Trainerin in Dresden und Erfurt

So wie einst Ilona Schindler am Anfang ihrer Trainerkarriere vor rund 40 Jahren in Erfurt. Eigentlich hatte sie selbst im Nachwuchsalter vom Eiskunstlaufen zum Handball gewechselt. Doch während ihres Sport-Studiums an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig bekam sie wegen des Booms der Sportart in der ehemaligen DDR als Spezialfach Eiskunstlaufen zugetragen und fing 1981 in Dresden an, als Eiskunstlauf-Trainerin zu arbeiten. „Damals konnte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen, mit meinen Sportlern einmal internationale Medaillen zu gewinnen und an Olympischen Spielen teilzunehmen.“ Im Zuge ihrer Versetzung 1983 nach Erfurt, mit dem Auftrag dort einen Eiskunstlauf-Standort aufzubauen, konnte Ilona Schindler nach ihren Vorstellungen mit Kollegen ein Team bilden und in den folgenden Jahren viel erreichen. „Wenn der Erfolg kommt, dann hast du Spaß an deiner Arbeit und hängst dich rein“, erklärt sie.

Ganz vom Eis bekommt man Ilona Schindler nach so langer Zeit als Coach natürlich nicht. Die gebürtige Dresdnerin wird sich nach einer Knieoperation in den kommenden Monaten jedoch erstmal in Geduld üben müssen, bis die Reha abgeschlossen ist. Danach steht sie Trainern, mit denen sie gut zusammenarbeitet, mit ihrer Erfahrung gerne weiter als Beraterin und Unterstützerin zur Seite. Ansonsten kann sie nun viele schöne Dinge tun, für die in den letzten Jahrzehnten wenig Zeit war: Lesen, Theater und Aufführungen besuchen, Reisen – und in den Städten der Welt endlich mehr sehen als Hotel und Eishalle wie bei ihren unzähligen internationalen Wettbewerbseinsätzen. Das Fazit ihrer 43-jährigen Trainertätigkeit lautet: „Für erfolgreiche Arbeit zahlt man einen hohen Preis, man bekommt aber auch viel zurück.“


Ilona Schindler bei einem ihrer vielen Meisterschaftseinsätze: Beim European Youth Olympic Festival (EYOF) 2019 in Sarajevo 
mit den beiden Sportlern Louis Weissert und Ann-Christin Marold, die Top Ten-Plätze erreichten (Foto: DEU)


Text: Pamela Lechner

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