Landeseissportverbände


Erfolgs-Team bei der WM in Prag (v. li.): Trainer Knut Schubert, Weltmeister Nikita Volodin & Minerva Hase und Head Coach Dmitry Savin.

Paarlauf-Experte Dmitry Savin ist der Head Coach der deutschen Paarlauf-Stars Minerva Hase/Nikita Volodin und hat sie in dieser Saison zur Olympia-Bronzemedaille und zum Weltmeister-Titel geführt. Der 53-Jährige spricht im Interview über die erfolgreiche Saison, die Chance für Junioren-Läufer*innen, gute Senioren-Paarläufer*innen zu werden und die Zukunft von Minerva und Nikita.

Dmitry Savin, Gratulation zu all den internationalen Medaillen, die Sie mit Minerva und Nikita gewonnen haben. Jetzt sind sie Weltmeister. Ist das die größte Errungenschaft dieser erfolgreichen Saison?

Dmitry Savin:
Der Weltmeister-Titel ist sehr, sehr gut und wie die Kirsche auf der Torte. Ich wusste, dass es möglich ist, und sie haben es geschafft. Für mich als Coach ist es bislang der größte Erfolg, denke ich, aber ich zähle Erfolge nicht nur anhand von Medaillen. Ich sehe den Erfolg darin, wie sie gelaufen sind und in Prag sind Minerva und Nikita die zwei besten Programme ihrer Karriere gelaufen, das ist der größte Erfolg. Es ist immer gut, Medaillen zu gewinnen, aber wichtiger ist, dass sie sehr gut laufen.

Wie blicken Sie auf die gesamte Saison 2025/2026 von Minerva und Nikita zurück, wie war Ihre Erfahrung mit ihnen bei den Olympischen Winterspielen in Mailand?

Dmitry Savin:
Es war eine sehr erfolgreiche Saison mit Höhen und Tiefen. Eine Olympiasaison bedeutet mehr Druck als in einer gewöhnlichen Saison. Ich habe mit Beginn der Saison gesehen, dass sie diesen Druck spüren, aber sie haben dies sehr gut gemanagt. Ich bin glücklich, dass sie die olympische Medaille gewonnen haben. Aber man will immer mehr und sie haben das Potential, sich noch zu verbessern. In jedem Training haben die beiden 100 Prozent gegeben und man konnte viele Verbesserungen in den Details im Vergleich zur letzten Saison sehen.

Als Sie Minerva und Nikita vor drei Jahren als Paar zusammengebracht haben, konnten Sie mit Ihrem Trainer-Auge schon ihr großes Potential sehen? War dieser Erfolg vorhersehbar?

Dmitry Savin:
Ich hatte mit Minerva und ihrem ehemaligen Partner Nolan [Seegert] schon länger zusammengearbeitet und kannte Nikita seit einer langen Zeit. Als wir darüber nachgedacht haben, sie zusammenzubringen, hatte ich schon im Kopf, dass es ein gutes Team sein könnte. Ich habe gesehen, wie sie gearbeitet und welches Potential sie haben, bevor sie als Paar zusammen gestartet sind.

Deutschland wird als erfolgreiche Paarlauf-Nation gesehen, wenn man die Erfolge von Aljona Savchenko mit ihren Partnern Robin Szolkowy und Bruno Massot betrachtet, und jetzt der Erfolg von Minerva und Nikita. Wie sehen Sie die aktuelle Situation des Paarlaufens in Deutschland?

Dmitry Savin:
In Deutschland haben wir eine gute Geschichte im Paarlaufen, aber es fehlen uns ausreichend gute Paare im Junioren-Bereich. Daher dauert es zu lange, Paare auf ein Top-Level zu bringen. Aber das betrifft nicht nur das Paarlaufen in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Die Zukunft kann gut aussehen, wenn wir Junioren-Paare haben, die das Potential mitbringen, für die Senioren-Klasse bereit zu sein.

Können wir darauf hoffen, dass Paarlaufen auch in Zukunft eine erfolgreiche Disziplin in Deutschland bleiben wird, und in welchen Punkten müssen wir besser werden?

Dmitry Savin:
Ich hoffe, wir arbeiten daran. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit mehr auf die Junioren-Läufer richten und mehr mit ihnen arbeiten. Die Erfolge von Aljona und Minerva zeigen, wie interessant Paarlaufen sein kann. Wir haben im vergangenen Jahr nach den Deutschen Meisterschaften ein Try-Out-Camp in Oberstdorf gemacht, in das Minerva und Nikita eingebunden waren. Camps dieser Art können den Kindern für die Zukunft helfen. Insgesamt ist es wichtig, ein gutes System der Vorbereitung und Zusammenarbeit zu haben. 

Um mehr Talente für das Paarlaufen zu gewinnen, wollen wir uns in Deutschland mehr auf den Disziplin-Transfer fokussieren. Welche Qualitäten und Fähigkeiten brauchen Einzelläufer*innen, um gute Paarläufer*innen werden zu können?

Dmitry Savin:
Eiskunstlaufen ist interessant, weil man in jede Disziplin wechseln und dafür arbeiten kann. Das Wichtigste sind die Skating Skills und natürlich Sprünge und Pirouetten. Dann kann man Würfe, Hebungen und alles andere lernen. Um erfolgreich zu sein, muss man auf den Trainer hören und nach dem System arbeiten, dann kann daraus etwas Gutes werden. Mein Ratschlag an die Läufer*innen: Einfach laufen und hart arbeiten. Mit ein paar Dreifach-Sprüngen und Selbstbewusstsein kann man gutes Junioren-Paarlaufen machen und sich weiterentwickeln für das Senioren-Paarlaufen.

Was sind die nächsten Schritte, wenn die Fähigkeiten und das Interesse fürs Paarlaufen gegeben sind? Muss der erste Partner gleich der beste und richtige sein?

Dmitry Savin:
Es kann langsam anfangen, aber wenn man dem Trainer zuhört und arbeitet, ist alles möglich. Das ist mein Lebensmotto: Alles ist möglich. Wenn man eine Partnerschaft startet, kann es passen oder nicht, geht Schritt für Schritt. Trainer oder Verband können helfen, den richtigen Partner zu finden. Wenn du hart arbeitest und diese Motivation zeigst, ist jeder daran interessiert, dir auch mehr zu geben.

In welche Richtung wird sich Paarlaufen Ihrer Meinung nach entwickeln?

Dmitry Savin:
Für die nächste Saison hat die ISU [International Skating Union] entschieden, choreographische Elemente in die Kür aufzunehmen. Wir sollen eine Choreo-Pirouette und eine Choreo-Hebung machen. Für mich ist das nicht wirklich die richtige Richtung. Es ist kein Wettbewerb, nicht der Sport Paarlaufen. Für mehr Künstlerisches haben wir das Eistanzen. Warum können wir im Paarlaufen nicht in eine Richtung mit mehr Power und Verbindung gehen, nicht akrobatisch, aber mit dem Wow-Effekt für das Publikum? Das ist das, was jeder am Paarlaufen liebt. Warum können wir nicht Vierfach-Twist und Vierfach-Würfe probieren? Ich weiß, dass Vierfach-Elemente im Paarlaufen gefährlich sind, ich habe sie schon vielen Paaren gelernt, aber das Wertungssystem unterstützt diese Richtung nicht. Es gibt keinen Grund, Vierfache zu probieren und Verletzungen zu riskieren, weil man kaum mehr Punkte als für Dreifach-Sprünge bekommt. Viele Paare machen verschiedene verrückte Sachen, einzigartig und spannend, Sprünge, Würfe, kombinierte Hebungen, aber wir müssen den Regeln folgen. Sie bringen uns dazu, alle das Gleiche zu machen. Ich würde den Fortschritt gerne vorantreiben, aber ich habe keinen Einfluss. Lasst uns die 10 bis 15 Paarlauf-Trainer in der Welt in einem Meeting zusammenbringen und sehen, wie wir unsere Disziplin weiterentwickeln können.

Viele Paare haben ähnliche Elemente. Was ist das Besondere, was Minerva und Nikita haben?

Dmitry Savin:
Ihre Elemente sind alle gut, das Besondere ist, dass man bei ihnen mehr Verbindung sieht. Sie sehen wie ein Paar aus. Einige Paare haben ihre Elemente, sehen aber nicht wie ein Paar aus. Minerva und Nikita haben in ihren Programmen gute Übergänge zwischen den Elementen und alles sieht geschmeidig und gut aus. Sie haben eine gute Verbindung und Kontakt, das ist das, was ich gerne sehe: Ein Paar läuft wie ein Paar.

Sie trainieren Paare aus vielen Nationen. Was ist der Mehrwert Ihrer internationalen Trainingsgruppen für Sie als Coach und für die Sportler*innen?

Dmitry Savin:
Zuallererst sind wir wie eine Familie. Ich will, dass sie wie eine Familie sind und im Training gegeneinander antreten und beim Wettkampf zeigen, wer der Beste ist. Sie sollen im Wettkampf wie im Training laufen und im Training wie in einem Wettkampf. Das ist das, was ich sehen will: 100 Prozent im Training und 100 Prozent im Wettkampf. Ich sage nie, dass sie einen bestimmten Platz erreichen müssen. Wenn sie ihren Job gut machen und mit ihrem Programm glücklich sind, bin ich es auch und alle sind happy.

Welche Möglichkeiten der Verbesserung und Entwicklung sehen Sie bei Minerva und Nikita für die Zukunft?

Dmitry Savin:
Sie können ihre Stabilität verbessern. Sie können selbstbewusster und konstanter werden. Wir wissen, was wir zu tun haben und wie wir das schaffen. Ich habe darüber nachgedacht, Vierfache zu probieren, es ist möglich. Aber die ISU belohnt das Risiko nicht mit den Punkten. Daher werden wir an der neuen Choreo-Pirouette und der neuen Choreo-Hebung arbeiten. Wir werden sehen, was es wird und wie es bewertet wird. Ich möchte, dass sie sich in Zukunft choreographisch weiterentwickeln. Ich will einen neuen und anderen Style sehen, wir werden etwas Neues ausprobieren und sehen, wie es funktioniert. Man kann auf dem Eis nicht nur eine Rolle spielen. Eiskunstlaufen ist wie ein Film, es kann Drama, Horror oder Comedy sein. Wir wollen, dass die Leute es sehen und sagen, 'das war ein guter Film'.

Der Weltverband hat Sie bei den ISU Skating Awards 2026 in der Kategorie "Best Coach" nominiert. Was bedeutet Ihnen das?

Dmitry Savin:
Als Erstes muss ich sagen, dass die Nominierung nicht mir, sondern dem ganzen Team gilt, allen Trainern und Läufern, mit denen ich arbeite. Es ist eine Anerkennung dafür, dass wir in die richtige Richtung gehen. Ich muss noch mehr lernen. Alle in unserem Team lieben es, Trainer zu sein und lieben das Eiskunstlaufen, wir arbeiten nicht für diesen Award. Wir arbeiten für die Wertschätzung der Sportler, dem Publikum und allen anderen. Team-Work ist das Allerwichtigste.

Vielen Dank für das Interview!

Die englische Version des Interviews mit Dmitry Savin lesen Sie hier.

Interview: Pamela Lechner
Foto: International Skating Union