Landeseissportverbände

Essstörungen sind in Deutschland stark verbreitet. Ein Drittel aller Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren, und mehr als ein Zehntel der Jungen weisen Symptome einer Essstörung auf – Tendenz steigend, auch bei jungen Erwachsenen.* Die Sportart Eiskunstlaufen bietet psychologisch betrachtet einen Nährboden für die Entstehung von Essstörungen wie Anorexie, Bulimie oder Vorstufen davon. Diese führen zu einem Energiedefizit im Körper, Leistungseinschränkungen und erheblichen gesundheitlichen Folgen. Wie Sportler*innen, Trainer*innen, Umfeld und Verband entgegensteuern können, wie wichtig ein gesundes Essverhalten im Leistungssport ist und welche Hilfe es für betroffene Athlet*innen gibt, lesen Sie in dieser Reportage.

Die Berliner Eistänzerin Karla Maria Karl (Foto) hat viele Jahre unter Anorexie, umgangssprachlich Magersucht, gelitten, und mit Hilfe eines unterstützenden Trainingsumfeldes und einer Psychotherapie einen Weg aus der Krankheit gefunden. Der Genesungsprozess dauert immer noch an. „Diese Essstörung macht extrem viel mit dem Körper, ich stand kurz davor, keinen Leistungssport mehr machen zu können. Es war eine große Entscheidung letztes Jahr in ‚Recovery‘ zu gehen, nicht nur für den Sport, auch für mein eigenes Leben. Ich komme langsam in einen gesunden Zustand, aber es dauert, bis sich der Körper anpasst“, sagt die DM-Dritte, die den Traum verfolgt, mit ihrem Eistanzpartner Kai Hoferichter bei den Olympischen Winterspielen 2030 in Frankreich zu starten. Die Ursache für ihre Erkrankung sieht die 19-Jährige nicht in ihrer Sportart. Sie spricht öffentlich über das Thema mentale Gesundheit, um Essstörungen in ästhetischen Sportarten zu enttabuisieren und Betroffene zu ermutigen, sich zu öffnen und Hilfe zu suchen (zum Interview). 

Magersucht ist eine schwere psychische Krankheit mit einem hohen Suchtfaktor. Hungern kann kurzfristig 'belohnend' wirken. "Bei manchen Betroffenen führt die Kalorienrestriktion nicht nur zu Hunger, sondern paradoxerweise zu einem Gefühl von Kontrolle, Beruhigung, innerer Klarheit oder sogar leichter Euphorie. Das wird unter anderem mit Veränderungen im endogenen Opioidsystem, Dopaminsystem, der Stressachse und Hormonen erklärt", sagt DEU-Verbandspsychologin Carolina Chon. Anorexia nervosa entstehe aus einem komplexen Zusammenspiel von psychologischen Faktoren, Angst-/Kontrollmechanismen, Körperbildstörung, sozialem Druck, Genetik, Hormonen, Stresssystemen, Dopamin, Serotonin und Essverhalten. 

Die Folgen des Energiemangels einer Magersucht sind verheerend, der Körper geht an seine eigene Substanz, es kann bis hin zu Knochenbrüchen und bleibenden Langzeitschäden kommen. Die Essstörung Bulimie, die kontrolliertes Erbrechen nach der Nahrungsaufnahme einschließt, kann zu Zahnschäden, Verätzungen der Speiseröhre und langfristig gestörtem Essverhalten führen. Auch hier ist der Suchtfaktor hoch. Beide Essstörungen sind schambesetzt. Je stärker der Leidensdruck und je länger die Störung zur Gewohnheit wird, desto schwieriger ist es für Betroffene, wieder rauszukommen.

Kommentare über Körper und Aussehen aus dem Umfeld ein No-Go

Als Vertrauensperson hat Robynne Tweedale ihre Schülerin Karla Maria Karl ermutigt, sich Hilfe zu holen, um einen Ausweg aus der Anorexie zu finden. Als Trainerin kann die 30-Jährige nur bedingt unterstützen, zur Heilung brauchte es eine Psychotherapie. Das Training wurde behutsam an den körperlichen Zustand der Eistänzerin angepasst und langsam wieder gesteigert. „Gesundheit ist für mich wichtiger als Leistung. Man kann als Coach immer Druck machen und pushen, aber es gibt eine Grenze“, sagt die DEU-Bundesstützpunkttrainerin.

Mitauslöser für die Entstehung einer Essstörung können ihrer Meinung nach kritische Bemerkungen aus dem Umfeld sein. „Unsensible oder wertende Kommentare von Trainer*innen über Körper und Gewicht können große negative Effekte haben“, sagt Tweedale. „Sollte ich abwertende Kommentare über das Aussehen oder Gewicht anderer Menschen hören, würde ich sofort eingreifen. Das ist ein No-Go.“ Es gelte, unterschiedliche Körperformen zu akzeptieren und in sensiblen Situationen die richtigen Worte zu finden. „Wir achten zum Beispiel bei den Kostümen auf eine positive Sprache und sprechen über die Linienwirkung, die je nach Kostüm unterschiedlich aussehen kann", berichtet die Trainerin. "Natürlich ist Eiskunstlaufen eine ästhetische Sportart, aber Ästhetik darf nicht mit einem bestimmten Körperideal verwechselt werden. Unterschiedliche Körperformen können genauso leistungsfähig, ausdrucksstark und erfolgreich sein. Entscheidend sind Athletik, Ausdruck und Leistung – nicht die Orientierung an einem einzigen Ideal oder einer bestimmten Zahl auf der Waage.“ Im internationalen Spitzen-Eiskunstlaufen zeigt sich mittlerweile eine größere Vielfalt an Körperformen. Nicht mehr nur ein Ideal prägt das Bild – das ist eine positive Entwicklung.

Anorexia athletica: Energiedefizit und gesundheitliche Folgen

Essstörungen sind geprägt von sozialen Schönheitsidealen ein gesellschaftliches Problem und kommen auch im Leistungssport vor, Eiskunstlaufen kann dafür ein Nährboden sein. „Wir müssen uns bewusst sein, dass wir als ästhetische Sportart eine erhöhte Risikogruppe sind, da es sportliche Vorteile haben kann, einem bestimmten Körperbild zu entsprechen. Dazu kommt, dass Persönlichkeitseigenschaften, die in unserem Sport von Vorteil sind, wie Disziplin, Ehrgeiz und Perfektionismus, für das Auftreten von Essstörungen ein Risikofaktor sind“, erklärt Sportpsychologin Carolina Chon.

Weit verbreitet in bestimmten Sportarten – wie Ausdauersport (Langstreckenlauf), Skispringen, Turnen, Kampfsportarten mit Gewichtsklassen, Klettern und Eiskunstlaufen – ist die sogenannte Anorexia athletica. Betroffene reduzieren ihr Körpergewicht stark, um im Training oder Wettkampf einen Vorteil zu haben, und passen dafür ihr Essverhalten an. Die Kalorienzufuhr wird auf ein Minimum beschränkt, um den Körper für die eigene Sportart zu optimieren (mehr Muskulatur, weniger Fett). Ähnlich ist das Phänomen „Relatives Energiedefizit im Sport“, kurz „RED-S“, bei dem aus der Nahrung weniger Energie zugeführt als verbraucht wird. Je nach Intensität und Dauer ist diese Unterversorgung mit schwerwiegenden Folgen verbunden: Mangelerscheinungen, Müdigkeit, Leistungsschwäche, hormonelles Ungleichgewicht und leidende Knochengesundheit. Ein schleichender Prozess, der an die Reserven des Körpers geht.

Körperliches Wachstum und schwierige Phasen

Anorexia athletica, RED-S und ein gestörtes Essverhalten können je nach Ausprägung Vorstufen einer diagnostizierten Essstörung sein – die Abgrenzung ist teils schwer zu ziehen. „Das Körpergewicht ist vor allem in der Zeit zwischen 10 und 17 Jahren ein Thema, das kritisch sein kann. Es ist ein Unterschied, ob man nur auf das Gewicht achtet oder am Rande einer Essstörung ist“, sagt DEU-Ernährungsberaterin Eva Busam. Ein schlanker Körper darf in einer Sportart keinesfalls zum einzigen Ideal erhoben werden, da der Körper in der Pubertät genetisch bedingt seine individuelle Form annimmt. "Es ist die normale Entwicklung, dass das Körpergewicht in dieser Wachstumsphase ansteigt, da sich Fettgewebe, Organe und Muskulatur weiter ausbilden. Bei Mädchen entwickelt sich physiologisch während der Pubertät ein höherer Fettanteil, von ca. 12 auf 25 Prozent. Dieser Anstieg spielt eine wichtige Rolle für die Hormonfunktion, den Menstruationszyklus und die Knochengesundheit."

In diesen Jahren der starken körperlichen Veränderungen kann es zu Leistungsschwankungen kommen und Geduld und Verständnis sind gefragt, bis sich alles wieder einspielt. „Der Körper befindet sich in der Pubertät über Jahre in einem kompletten hormonellen Umbau und wird sein Gleichgewicht finden. Wir müssen den Sportler*innen diese Zeit geben. Wenn wir zu viel Druck machen, erhöht sich die Gefahr, dass sich eine Essstörung entwickelt“, sagt Carolina Chon. Die DEU-Verbandspsychologin versucht die jungen Sportler*innen bei Lehrgängen in der Akzeptanz des eigenen Körpers zu schulen und plädiert dafür, sie beim Umgang mit Leistungsdruck mental zu unterstützen.

Beim typischen Start einer Essstörung kommen meistens zwei Dinge zusammen: "Eine körperliche Veränderung, die jederzeit kommen kann, und eine Phase, in der es nicht gut läuft – sei es sportlich, schulisch, durch Konflikte oder in anderen Bereichen“, erklärt die Sportpsychologin. „In einer stressigen Zeit essen wir häufig automatisch etwas mehr, weil wir mehr Energie brauchen. Die Folge ist eine leichte Gewichtszunahme, die in unserem Sport leider als negativ wahrgenommen werden kann. Durch ein anschließendes restriktives Essverhalten, können wir uns dann relativ einfach wieder das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Kontrolle erzeugen.“ Wenn man ein Kilo abnimmt, fühlt man sich gut, das kennt jeder, womöglich gibt es noch eine positive Rückkoppelung in Form eines Kompliments oder Erfolgs. So kann sich ein fatales Denken entwickeln: Wenn man das Gewicht im Griff hat, läuft es wieder und es ist besser, weniger zu wiegen. Der gesunde Schritt wäre, an dieser Stelle Stopp zu sagen. Das fällt in dieser Situation allerdings schwer und wird auch nicht als bewusste Entscheidung gesehen. Betroffene spitzen es weiter zu auf: ‚Je weniger ich esse, desto besser fühlt sich mein Körper an‘ und rutschen in die Anorexie ab.

Ausreichend Energie und gesundes Essverhalten

„Zur Heilung von Essstörungen müssen Psychologie und Ernährung sehr eng zusammenarbeiten“, sagt Eva Busam. Bei einer diagnostizierten Essstörung macht die Psychotherapie den größeren Anteil aus, weil sie Ausdruck für eine psychische Störung ist und nicht durch Essen heilen kann. Es ist für Betroffene ein harter Kampf, Schritt für Schritt langsam gesund zu werden. „Sportler*innen, die gefährdet sind, erst eine Essstörung zu entwickeln, müssen wieder Vertrauen finden, essen zu dürfen, ohne schwerer zur werden.“ Die Hauptangst in diesem Zusammenhang ist, dass man es am nächsten Tag sofort auf der Waage sieht, wenn man etwas isst. Hier setzt die Ernährungstherapie an und hilft, dass Essen und Lebensmittel wieder positiv besetzt werden.

„Um Essstörungen vorzubeugen, muss ein Umdenken stattfinden: Weg von ‚Wenn man leicht ist, ist man besser‘ hin zu ‚Mit der richtigen Menge an Energie im Körper kann ich Leistung bringen‘“, sagt die Ernährungsberaterin. Hier sind alle Beteiligten gefragt, dieses Denken zu vermitteln: Eltern, Trainer*innen, Verbandsmitarbeiter*innen, medizinisches Team. Davon will Eva Busam auch auf DEU-Lehrgängen, in Ernährungsberatungen und Trainer-Fortbildungen überzeugen. „Im Leistungssport ist es sehr wichtig, zu erkennen, dass das Essen die absolut notwendige Energie für Leistung und Verbesserung ist.“ Für junge Athlet*innen ist es essentiell, ein gesundes Essverhalten zu entwickeln und von Vorteil, auf ihre Ernährung zu achten.

Die Expertin für Sporternährung sensibilisiert für die Auswirkung von Ernährung auf das Körpergefühl, und klärt auf, in welchen Lebensmitteln die benötigte Energie enthalten ist. „Es ist ein falscher Mythos zu glauben, dass Kohlenhydrate schlecht sind und dick machen. Gerade im Eislaufen spielen sie eine wichtige Rolle, da sie die richtige Energie fürs Training liefern und dabei direkt verbrannt werden.“ Eine zu niedrige Energieverfügbarkeit kann zu gesundheitlichen Problemen führen, dazu, dass keine Leistungsentwicklung mehr stattfinden kann und Verletzungen auftreten. „Langfristig kann es sogar zum Aufhören der Sportart kommen oder dazu, dass man seine sportlichen Ziele nicht erreicht, weil man in den Jugendjahren zu viel an Essen gespart hat.“

Langfristig, gesunde erfolgreiche Persönlichkeiten entwickeln

Die Deutsche Eislauf-Union (DEU) verfolgt die leistungssportliche Vision, langfristig, gesunde erfolgreiche Persönlichkeiten zu entwickeln. Bei der sportmedizinischen Untersuchung können Athlet*innen von geschulten Ärzt*innen ein Sportverbot oder bestimmte Auflagen bekommen, wenn sich ihr Körper in einem gesundheitlich kritischen Zustand befindet. Das Gesundheits-Team beobachtet sorgsam, ob es Abweichungen zum Normalverlauf von Wachstumskurven gibt. Sportpsychologie und Ernährungsberatung stehen bei Bedarf unterstützend zur Seite.

Eiskunstlaufen kann bis auf höchstem Niveau gesund betrieben werden. „Aber es gibt Risikofaktoren, die der Sport mit sich bringt. Dafür müssen wir ein Bewusstsein schaffen und weiter aufklären“, sagt Carolina Chon. Der Eistänzerin Karla Maria Karl ist es wichtig zu betonen, dass ihre Essstörung nicht vom Sport kam. „Wir haben das Glück, ein sehr gesundes Trainingsumfeld zu haben“, sagt die Abiturientin – womöglich konnte sie auch deshalb einen Ausweg finden. Sie wünscht sich, dass über Essstörungen und mentale Gesundheit genauso normal gesprochen werden kann, wie über die Heilung körperlicher Verletzungen.

Hilfe & Kontakte für Athlet*innen bei Fragen zu Essstörungen
Betroffene DEU-Kaderathlet*innen können sich für Unterstützung jederzeit vertrauensvoll wenden an: Verbandspsychologin Carolina Chon (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) oder DEU-Ernährungsberaterin Eva Busam (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), die bei Bedarf an externe Hilfestellen und Psychologen weitervermitteln können. Alle OK-, PK- und NK1-Athlet*innen haben den Anspruch auf eine Einzelberatung bei Eva Busam. Weitere Kontakt- und Hilfestellen für alle Leistungssportler*innen sind auf den Webseiten von Athletes in Mind, MentalGestärkt und der Robert-Enke-Stiftung zu finden – die drei großen Institutionen für psychische und mentale Gesundheit im Leistungssport.

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*Quelle: Studie Robert-Koch-Institut, statista.com 2025

Text: Pamela Lechner
Fotos: Nikolaj Majorov