
Die ehemalige Grand-Prix-Teilnehmerin Robynne Tweedale ist seit zwei Jahren DEU-Bundesstützpunkttrainerin in Berlin und entwickelt dort gemeinsam mit Bundesnachwuchstrainer Stefano Caruso Eistanzpaare vom Nachwuchs bis zu den Senioren. Die 30 Jahre alte Britin arbeitete schon in ihrer aktiven Zeit als Trainerin, um sich ihre Karriere am Trainingsstandort Detroit im Trainerteam von Igor Shpilband zu finanzieren. Im Interview erklärt die Wahl-Berlinerin die Bedeutung einer professionellen Trainingskultur, was die Voraussetzungen für einen Disziplinwechsel zum Eistanzen sind und wie man einen perfekten Twizzle erlernt.
Robynne, wie beobachtest du die Entwicklung der letzten Jahre im Nachwuchs- und Junioren-Eistanzen in Deutschland?
Robynne Tweedale: Positiv, einige Nachwuchspaare haben sich gut entwickelt und erfolgreich den Sprung in eine höhere Kategorie geschafft. Aber die Anzahl der Paare ist gering. Es ist eine Aufgabe, mehr Läufer*innen für das Eistanzen zu begeistern, so dass mehr Sportler*innen bereit sind für einen Disziplinwechsel. Wir brauchen für die zukünftige Entwicklung eine größere Breite.
Welche neuen Impulse bringst du als Bundesstützpunkt-Nachwuchstrainerin für das Eistanzen in Berlin ein? Was hast du vorgefunden, als du in Berlin begonnen hast?
Robynne Tweedale: Als ich nach Berlin gekommen bin, gab es viele Bereiche mit Entwicklungsbedarf. Ein wichtiger Punkt war für mich die Internationalisierung. Wir haben versucht, internationale Gastteams und Trainer*innen nach Berlin zu holen, um ein wettbewerbsorientiertes Trainingsumfeld zu schaffen und das Verständnis zu fördern, was es bedeutet, ein internationales Niveau zu erreichen. Dazu zählt eine Trainingskultur mit mehr Eigenverantwortung, Disziplin und Professionalität, ohne dass dabei die Freude am Sport verloren geht. Ich versuche die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen zu verbessern. Durch gemeinsame Projekte wollen wir früher einen Einblick in das Eistanzen bieten und die Möglichkeit, Eistanzen auszuprobieren und die Disziplin zu wechseln. Zusammen mit Stefano Caruso habe ich mehr Fokus auf den Off-Ice-Trainingsbereich gelegt, mit den Schwerpunkten Athletik und Tanz.
Gemeinsam mit Stefano Caruso betreust du drei Bundeskader-Eistanzpaare (Senioren/Junioren). Wie gelingt es euch zusammen, die Sportler*innen so gut auszubilden und zu motivieren?
Robynne Tweedale: Wir haben eine gemeinsame Vision für die Entwicklung der Sportler*innen, auch wenn wir als Trainerteam unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven einbringen. Das gesamte Trainerteam, On Ice und Off Ice, braucht eine gemeinsame Vision und muss zusammenarbeiten. Wir haben beide einen fordernden, aber auch unterstützenden Trainingsstil. Motivation entsteht, wenn die Sportler*innen ihre eigenen Ziele verstehen und Fortschritte auf dem Weg dahin erkennen. Wir nehmen die Sportler*innen bei ihrer Entwicklung mit, so dass sie verstehen, für welchen Zweck bestimmte Dinge trainiert werden.
Der DEU-Perspektivkader im Eistanzen ist mit fünf Paaren im Vergleich zu den anderen Disziplinen breit aufgestellt. Offensichtlich ein Zeichen, dass die guten Junioren auch bei den Senioren ankommen. Was fehlt noch für den Anschluss an die Weltspitze?
Robynne Tweedale: Das Erreichen der Weltspitze ist im Eistanzen ein langfristiger Prozess, das zeigen die Karriereverläufe erfolgreicher Eistanzpaare. Sehr erfolgreiche Nationen haben eine große Anzahl von Sportler*innen, die sich intern für große internationale Wettbewerbe qualifizieren müssen, und starke Trainingszentren mit einer guten Trainingskultur. Wir haben fünf Paare im Perspektivkader, das ist ein positives Zeichen, aber das sind gleichzeitig auch alle Paare, die wir haben. Um in der Weltspitze anzukommen, braucht es über sehr viele Jahre eine konstante Partnerschaft, eine kontinuierliche sportliche Ausbildung, aber auch eine Entwicklung der Persönlichkeit und die Geduld über einen langen Zeitraum internationale Erfahrung zu sammeln.
Was sind die entscheidenden Fähigkeiten, die beim Nachwuchs und den Junioren im Eistanzen ausgebildet werden müssen?
Robynne Tweedale: Die Skating Skills: Gute Geschwindigkeit, Kontrolle, sauberes Gleiten und Kantenqualität. Und eine solide athletische Basis: Kraft, Stabilität, Beweglichkeit und Koordination. Das ist nicht nur für die technische Entwicklung wichtig, sondern auch zur Verringerung des Verletzungsrisikos beim Übergang von den Junioren zu den Senioren. Daneben spielt die künstlerische Ausbildung eine entscheidende Rolle: Die Sportler*innen benötigen Tanz- und Performance-Erfahrung, um später ihre Wettkampfprogramme mit Selbstvertrauen und starker Ausdrucksfähigkeit zu präsentieren.
Das Solo-Eistanzen hat weltweit eine interessante Entwicklung genommen. Auch im Landeskader ist das Solo-Eistanzen nun verankert. Welche Rolle spielt das Solo-Eistanzen für die Entwicklung von Eistanzpaaren im Leistungssportprozess?
Robynne Tweedale: Solo-Eistanzen gibt Sportlerinnen die Möglichkeit, ihre Skating Skills, ihr Rhythmusgefühl und ihre Musikalität weiterzuentwickeln, auch wenn sie noch keinen passenden Partner gefunden haben, und gleichzeitig weiterhin Wettkampferfahrung zu sammeln. Für viele Athletinnen bleibt das Paar-Eistanzen das langfristige Ziel. Gleichzeitig ist Solo-Eistanzen eine eigenständige und wertvolle Wettkampfdisziplin sowie ein hervorragender Weg, zukünftige Eistänzerinnen auszubilden und Talente frühzeitig zu entdecken.

Die deutschen Eistänzer*innen haben immer wieder ihre Herausforderungen mit dem Twizzle. Oft langsam oder bei den Paaren nicht synchron. Was wird getan, um hier eine Verbesserung zu erzielen? Wie wird der motorbetriebene Rotator in den Trainingsprozess eingebunden?
Robynne Tweedale: Der Twizzle erfordert die Kombination aus drei Fähigkeiten: Körperspannung, Gleichgewicht und Rotationskontrolle. Die Synchronität kommt später dazu. Wir üben den Twizzle so oft, bis die Läufer*innen ihn selbstbewusst beherrschen und auch im Wettkampf unter Stress abrufen können. Wir arbeiten vermehrt Off-Ice, der Rotator ist ein sehr gutes Hilfsmittel für ein kontrolliertes Rotationsgefühl und die Arbeit an isolierten Bewegungsmustern. Wir nutzen den kleinen Edea-Spinner zum Training einer schnellen Rotationsbewegung in beide Richtungen, mehr Gleichgewicht, Körperspannung und Kontrolle im Fußgelenk. Für den Twizzle braucht es eine gute mentale Vorbereitung: Es ist das entscheidende Element, bei dem man am meisten Probleme haben kann. Die Twizzle sind im Eistanzen das, was die Sprünge im Einzellaufen sind. Kommen die Sportler*innen mit dem Twizzle im Training nicht zu 98 Prozent klar, kann der mentale Stress im Wettkampf zu Fehlern führen.
Welche Bedeutung hat das Off-Ice-Training und was wird hier schwerpunktmäßig trainiert?
Robynne Tweedale: Neben Athletik, Stabilität, Verletzungsprävention usw. können viele Fähigkeiten außerhalb des Eises entwickelt und dann erfolgreich auf das Eis übertragen werden. Unser Ziel ist es, Athlet*innen ganzheitlicher auszubilden und vorzubereiten. Im Eistanzen liegt der Fokus mehr auf der künstlerischen Seite. Wir benötigen nicht nur Tanzunterricht und Ballett, sondern auch Akrobatik, um Hebungen aufzubauen, und eine große Flexibilität in den tänzerischen Fähigkeiten.
Woran müssen wir im Nachwuchs-Eistanzen weiterarbeiten, um noch besser zu werden und welche Entwicklungen erwartest du in den nächsten Jahren auf internationalem Niveau, z.B. bei der Junioren-WM?
Robynne Tweedale: Es bedarf technischer Grundlagen, athletischer Ausbildung und auf allen Ebenen mehr Qualität. Ein wichtiger Schwerpunkt ist die Wettkampfmentalität: Wir arbeiten mit Sportpsycholog*innen und haben das als Teil in den Trainingsprozesses integriert. Eine sportpsychologische Betreuung sollte für jede*n Sportler*in ein Must-Have sein. Das bereitet die Läufer*innen besser auf Drucksituationen vor und stärkt ihr Selbstvertrauen. International erwarte ich eine Steigerung der Skating Skills und Geschwindigkeit, viele Junioren-Paare kommen schon mit einem sehr hohen Niveau in den Senioren-Bereich.
Was muss ein gutes Junioren-Paar beim Eintritt in die Senioren-Klasse mitbringen, um im Eistanzen den langen Weg an die Weltspitze erfolgreich gehen zu können?
Robynne Tweedale: Die technische Basis, gute Skating Skills und eine sehr hohe Performance-Qualität. Wichtige Punkte sind die Belastbarkeit, Verletzungsprävention und eine wirklich professionelle Einstellung zum Sport. Der Schritt zu den Senioren ist mit vielen Erwartungen verbunden, das Niveau steigt und die Platzierungen sind in den ersten Jahren immer tiefer. Deswegen erfordert es Geduld, Passion und die Bereitschaft der Sportler*innen, über viele Jahre konsequent hart zu arbeiten und sich auch in schwierigen Zeiten weiterzuentwickeln, um Jahr für Jahr besser auf dem Eis zu stehen. Dieser Antrieb kann nicht nur von den Trainer*innen und dem Verband kommen, diese Motivation müssen die Sportler*innen selbst haben.
Die DEU will den Transfer in die Paardisziplinen stärker fördern. Was müssen Einzelläufer*innen beherrschen und mitbringen, um zum Eistanzen wechseln zu können? Bis zu welchem Alter sollte ein Wechsel erfolgen?
Robynne Tweedale: Gute Skating Skills und eine gute Einstellung sind die Voraussetzungen. Die Sportler*innen müssen offen sein für etwas Neues und die besonderen Anforderungen der Partnerarbeit lernen. Solange ein*e Sportler*in im Einzellaufen gute läuferische, musikalische, tänzerische und künstlerische Fähigkeiten entwickelt, kann ein Wechsel auch später erfolgreich sein. Diese Fähigkeiten sind die Grundlage für alle Disziplinen. Der Vorteil eines frühen Wechsels zum Eistanzen ist eine bessere Ausbildung in Artistik und Skating Skills, weil man keine Sprünge zu lernen hat. Ein Wechsel ist aber auch später möglich, wenn man die Bereitschaft mitbringt, sich auf die neue Disziplin einzulassen. Ich selbst war fast 18 Jahre alt, als ich zum Eistanzen gewechselt bin.
Gute Eiskunstläufer*innen und Eistänzer*innen werden im Sommer gemacht. Was ist dein persönlicher Antrieb mit Paaren zu arbeiten und was das Besondere am Eistanzen?
Robynne Tweedale: Es motiviert mich, Sportler*innen über viele Jahre auf ihrem Weg zu begleiten und ihre persönliche Entwicklung mitzuerleben. Eistanzen ist für mich eine besondere Disziplin, weil es nicht nur sportliche Höchstleistung ist, sondern mit Kreativität, Musikalität und der Zusammenarbeit von zwei Menschen verbunden ist. Jedes Paar entwickelt im Laufe der Zeit seine eigene Identität und seinen eigenen Stil. Teil dieses Prozesses zu sein und die Sportler*innen zu unterstützen, ihr Potenzial zu entfalten, macht die Arbeit als Trainerin besonders erfüllend.
Vielen Dank für das Interview!
Interview: Pamela Lechner
Fotos: DEU



















