Landeseissportverbände

Am Sonntag gingen die Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand/Cortina mit der Abschlussfeier in Verona zu Ende. Größter Erfolg für die Deutsche Eislauf-Union war der Gewinn der Bronzemedaille im Paarlaufen durch Minerva Hase/Nikita Volodin. Eine Top Ten-Platzierung erreichte das zweite Paar Annika Hocke/Robert Kunkel. Das Einstanz-Finale verpassten Jennifer Janse van Rensburg/Benjamin Steffan. DEU-Sportdirektor Jens ter Laak zieht im Interview ein Olympia-Fazit und blickt auf die anstehenden Weltmeisterschaften in Prag und den nächsten Olympiazyklus voraus.

Jens ter Laak, wie fällt Ihr Fazit zum Abschneiden des DEU-Teams in Mailand aus?

Jens ter Laak:
Wir haben Bronze gewonnen, nicht Gold verloren! Nach acht Jahren die erste olympische Medaille ist bei lediglich zwei besetzten Disziplinen von fünf Medaillenentscheidungen eine gute Quote für die Deutsche Eislauf-Union und ein besonderer Erfolg für das noch junge Team „Miniki“ (Minerva und Nikita), die sich seit 2023 dem internationalen Wettbewerb stellen. Auch mit der Top Ten-Platzierung von Annika und Robert hat sich das Paarlaufen sehr gut präsentiert. Wir sind sehr stolz auf diese Leistungen.

Im Eistanzen wurde das Finale nicht erreicht. Wie kam das?

Jens ter Laak:
In der zweiten Disziplin, bei der wir dabei waren, dem Eistanzen, können wir nicht zufrieden sein, da wir mit einem Einzug ins Kürfinale fest gerechnet haben. Hier ist es nicht gelaufen, wie gedacht. Auch Jennifer und Benjamin durften sich mehr ausrechnen. Ein Fehler reicht oftmals schon, um in diesem hochkarätigen Feld auszuscheiden.

Wie haben sich die deutschen Eiskunstläufer*innen als Teil der deutschen Olympiamannschaft präsentiert?

Jens ter Laak:
Unser Sport ist von Ästhetik geprägt und lebt von Präsenz, daher wissen unsere Athletinnen und Athleten ganz gut, wie man sich richtig verkauft. Das lernen sie von klein auf. Wir haben die Sportler*innen zudem mit einem Medientraining vorbereitet. Auch im Kontakt mit Politikern oder Journalisten ist unser Team präsent.

Welche Bedeutung hat der Medaillenerfolg von Minerva Hase/Nikita Volodin für den deutschen Eiskunstlauf?

Jens ter Laak:
Wir können zeigen, dass wir zumindest in einer Disziplin mit der absoluten Weltspitze konkurrieren und uns im internationalen Feld vorne behaupten können. Der Erfolg von Paaren ist nicht unbedingt der Herkunft geschuldet, sondern der richtigen Zusammenstellung. Ein Duo muss harmonieren, d.h. bspw. Größe, Kraft, Hebelwirkung und die Chemie müssen stimmen. Das ist uns bei Minerva und Nikita sichtbar gelungen. Auch wenn wir im Einzellaufen aktuell nicht vertreten sind, fallen Paarläufer und Eistänzer nicht vom Himmel. Bei der disziplinscharfen Förderbetrachtung unseres Staates muss genau dies Berücksichtigung finden. Ohne Einzellaufen keine Paare und Eistänzer.

Die deutsche Presse hat nach dem Gewinn der Bronzemedaille von Minerva Hase/Nikita Volodin an vielen Stellen von einer Gold-Enttäuschung gesprochen. Ist so eine Berichterstattung respektvoll gegenüber den Sportlern und wie zufrieden sind Sie als Sportdirektor mit der Leistung?

Jens ter Laak:
Die Deutschen suchen gerne „das Haar in der Suppe“, das macht auch vor der Presse keinen Halt. Man will vom Drama lesen oder hören, offensichtlich Teil der DNA. Die Japaner sind die Kür ihres Lebens gelaufen, dies muss man neidlos anerkennen. Vielleicht wäre mit dem dreifachen Salchow von Minerva noch Silber drin gewesen, aber das ist Spekulation. Nach drei Jahren Zusammenarbeit Bronze, andere schaffen es ein ganzes Sportlerleben nicht. Der Respekt vor der sportlichen Leistung fehlt in Deutschland leider generell, auch bei der wirtschaftlichen Wertschätzung einer Medaille im Vergleich zu anderen Nationen.

Die Sportart Eiskunstlaufen hat während der Olympischen Winterspiele für hohe Einschaltquoten gesorgt und war auch in den sozialen Medien omnipräsent. Welchen Platz in den Medien, insbesondere in TV und Livestreams, hätte die Sportart verdient?

Jens ter Laak:
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat vor vielen Jahren beschlossen, dass wir nicht interessant sind. Wir sind bei den Winterspielen das Premiumevent, was man an den märchenhaften Kartenpreisen besonders deutlich merkt. Die Einschaltquoten sprechen ebenfalls dafür. Es wäre angemessen, wenn sich die Sender im Eiskunstlaufen wieder breiter aufstellen und der Sportart einen höheren Stellenwert beimessen. Die DEU bietet in der Zusammenarbeit mit den Medien gerne ihre Expertise an.

Nach den Spielen ist vor den Spielen. Ein neuer Olympiazyklus mit den Olympischen Winterspielen 2030 in den französischen Alpen am Horizont beginnt. Welche Weichen will die DEU stellen, um in vier Jahren wieder in allen Disziplinen und dem Team-Wettbewerb vertreten zu sein?

Jens ter Laak:
Wir müssen konstatieren, dass wir in den Einzeldisziplinen den Anschluss verloren und neu aufzubauen haben. Einige hoffnungsvolle Talente warten im Nachwuchs- und Juniorenalter, die es über die nächsten Jahre zu entwickeln gilt. Hierfür haben wir Projekte zur Entwicklung der Höchstschwierigkeiten, Dreifach- und Vierfachsprünge, zusammen mit dem IAT ins Leben gerufen. Ein weiteres Projekt in der Talententwicklung ist in Arbeit.
Unsere verbliebenen drei Bundesstützpunkte Berlin, Dortmund und Oberstdorf sind infrastrukturell in die Jahre gekommen, das Trainerpersonal ist im oder vor dem Ruhestandsalter und frischer Wind fehlt, da der Trainerberuf in Deutschland keine Wertschätzung erfährt. Wir werden versuchen, die Talente in starke Trainingsgruppen zu entsenden, auch im Ausland. An den Bundesstützpunkten muss eine neue Sportlergeneration heranwachsen, dies wird dauern, denn auch die Trainerstruktur muss neu aufgebaut werden. Hierzu bedarf es einer anderen finanziellen Ausstattung. Ziel muss es sein, in vier Jahren in allen Disziplinen wieder dabei zu sein.

Welcher Stellschrauben bedarf es im Einzellaufen?

Jens ter Laak:
Als frühspezialisierende Sportart konkurrieren wir mit Ländern, die auf eine Präsenzpflicht in der Schule verzichten und Distanzbeschulung anbieten. Auch die europäischen Länder um uns herum. Deutschland verliert in verschiedenen Lebensbereichen den Anschluss, weil wir nicht bereit sind, uns auf veränderte Bedingungen einzulassen. Schule und Sport ist Ländersache, der Föderalismus in der Sportförderung ein absolutes Problem. Im Einzellaufen sind die Kinder deutlich jünger als in den Paarkonkurrenzen. Früh übt sich. Wenn man die Lernzeitfenster im Eiskunstlaufen nicht passend ausfüllt, verliert man früh den Anschluss. Die Umfänge und Inhalte sind bei uns zu gering und müssten adaptiert werden. Das geht nur mit anderen Konzepten. Die können wir schreiben, aber nur mithilfe der Schulträger umsetzen. Wir werden nicht müde, unsere Forderungen zu platzieren. Einstweilen werden wir nur im Rahmen unserer Möglichkeiten tätig werden können. Diese liegen in der Verbesserung der Trainingsqualität.

Gibt es schon Informationen zu den weiteren Zukunftsplänen von Minerva Hase/Nikita Volodin?

Jens ter Laak:
Beide haben sich klar positioniert, die Planung des neuen Zyklus folgt nach der Saison. Aber das Alter und der Ehrgeiz lässt uns als Verband positiv in die Zukunft schauen. Die Zielstellung folgt.

Die Saison ist für die Eiskunstläufer noch nicht vorbei. Mit welchen Aussichten und Zielstellungen tritt das nominierte DEU-Team bei den Weltmeisterschaften Ende März in Prag an?

Jens ter Laak:
Wer zwei WM-Medaillen hat, wird auch eine weitere bei der WM erringen wollen. Minerva und Nikita gehen mit diesem Anspruch an den Start, aber auch hier gilt – wie bei den Spielen – die Konkurrenz der besten fünf bis sechs Paare lässt keinen Automatismus zu. Annika und Robert können ihre gute Form erneut unter Beweis stellen und die Saison vielleicht mit einer noch besseren Platzierung beenden. Im Eistanzen haben Jennifer und Benjamin die Möglichkeit, sich mit einem fehlerfreien Rhythmustanz für das Finale zu empfehlen. Mit Genrikh Gartung tritt ein Neuling auf das WM-Meisterschaftsparkett im Seniorenbereich. Hier lassen wir uns überraschen, ob er mit der neuen Herausforderung gut umgehen kann. Das Talent ist jedenfalls mehr als ausreichend. Wir bleiben zuversichtlich und gespannt.

Interview & Foto: Deutsche Eislauf-Union